Erlebnisberichte von der Langdistanz-WM 2010 von Michael und Stephan

Michael

1.August, Sonntag morgen 7:26, ich schwimme in 16 Grad ‚warmen‘ Wasser des Alpsee mit über 800 Mitstreitern, die Morgensonne steht klar am Himmel, kein Nebel, klare Sicht – mein Puls hämmert im Ohr, dann erfolgt der Startschuss und das Wasser beginnt zu schäumen…


Januar 2010: Langdistanz - Zu meiner ersten Triathlon Langdistanz haben mich Jens und Tino

überredet und dass es auch gleich die WM war, die in diesem Jahr in Deutschland in Immenstadt stattfinden würde, war ein weiterer guter Grund teilzunehmen.


Am Donnerstag vor dem Wettkampf kommen Jens, Tino und ich in Immenstadt an. Das Profil der Radwettkampfstrecke, die Tino und ich allein und dann mit Jens und Stephan testeten, ist mit nahezu 2000 HM beeindruckend. Der Kalvarienberg in Immenstadt ist kurz und hat dafür einen knackigen Anstieg, der Ettensberg mit 4 km langen Anstieg ist eng, kurvig und steil und oben angekommen wusste ich, dass ich diese Strecke defensiv fahren werde.


Am Freitag sind Jens und ich noch in den Alpsee gesprungen, der durch die letzten zwei Wochen Regen einen Temperatursturz erfahren hatte und die Temperatur lag nun bei ca. 16-17 Grad Celsius – der Neo würde definitiv notwendig sein. Das Probeschwimmen fiel entsprechend kurz aus.


Bis Freitagabend war es windig, stark bedeckt mit Regen und nicht wirklich motivierend – aberam Samstag wechselte das Wetter und es wurde endlich sonnig und warm. Der MitteldistanzWettkampf begann und da unsere Pension genau am Anstieg des Kalvarienberg lag, waren wir hautnah dabei. Uns packte das Wettkampffieber, letzte Vorbereitungen und Einkäufe und am Samstagabend: Vorbereiten der Wettkampfausrüstung, packen der Wechselbeutel und dann nochmal Spaghetti.


Der Wecker klingelt um 4.30 Uhr am Sonntag morgen. Ein kurzes Frühstück, liebenswerter Weise bereitgestellt durch unsere Pensionswirtin, dann ging es los mit der Ausrüstung zum Rad Check-In. Da gab es den ersten Schreck des Tages: meine Radbrille war zerbrochen und natürlich hatte ich keine zweite Brille dabei und weit und breit keine Ersatzbrille in Sicht. ...


Nach den ersten 400 Meter Schwimmen hatte sich das Teilnehmerfeld weit genug ausgedehnt und ich fand meinen Rhythmus, dachte an die Anweisungen von Lilly und Andrea - ‚langer Arm‘ und ‚strecken‘. Endlich hatte ich die erste Wendeboje nach 1.800 Metern erreicht, sie war wirklich nicht zu übersehen und nach weiteren 400 Metern ging es zurück zum Strand. Und damit begann das Schwimmen gegen die Sonne, das Wasser war in Licht getaucht, die Bojen und der Zielballon waren nicht zu sehen. Ich schwimme den anderen hinterher und ich hoffe, das Ziel nicht zu verfehlen. Endlich habe ich nach 1 Stunde und 26 Minuten Boden unter den Füßen.


Den Hügel hinauf zur Wechselzone, aus dem Neo raus und dann ab aufs Rad, hinein nach Immenstadt. Nach den ersten vier Kilometern kommt der Anstieg zum Kalvarienberg und ich bin mittendrin im Getöse und gehe aus dem Sattel, drücke, durch die Gasse, links und rechts

Menschen die mich anfeuern … und dann bin ich drüber. Einige Kilometer später an der Spitze des Ettensberg empfängt mich ‚Hells Bells‘ und dann rausche ich runter mit 80 km/h. Danach geht es in leichten Wellen weiter mit 35 km/h; ich könnte schneller - denke an die Warnung von Jens einige Körner für das Laufen zu behalten und fahre defensiv. Irgendwann kommen mir Stephan und Matthias entgegen, ich fahre weiter die Schleife Richtung Bischofshausen, der Wendepunkt, komme gut voran. Die Anstiege gehe ich langsam an und zwinge mich nach der Uhr meine am Rahmen aufgeklebten PowerBar Riegel zu essen – die sehen wirklich aus wie Hundes…


Bei der Abfahrt in den Serpentinen vom Zaunberg bei Kilometer trifft es mich: mein Hinterrad flattert, ich kann das Rad kaum halten und ich merke das die Luft aus dem Hinterreifen raus ist. Ich rufe dem gerade überholten Teilnehmer zu, dass ich rechts raus muss, da fahre ich auch schon in den Grünstreifen, glücklicherweise stehen hier keine Leitplanken. Ich fluche und versuche mich zu beruhigen, am Rad sind keine Schäden. Mit total verschwitzten Händen einen brandneuen Mantel vom Rad zu bekommen ist verdammt schwer. Ich denke an Wolfgangs Erfahrungsbericht vom Ironman und irgendwann habe ich es geschafft. Deprimierend ist es, dass alle die ich vorher überholt habe an mir talabwärts vorbeisurren. Und den Fehler mit einer Mini-Luftpumpe in eine Langdistanz zu gehen, mache ich bestimmt kein zweites Mal. Mit geschätzten 3-4 bar Druck auf dem Reifen, mehr bekomme ich nicht hinein, fahre ich nach 17 Minuten weiter. Stocksauer durch Immenstadt den Kalvarienberg hoch, die anderen Teilnehmer überholend, die Zuschauer verbreitern die Gasse und oben angekommen sehe ich nur noch Sternchen. Ich vollende die zweite Runde, diesmal bemerke ich bei den Abfahrten den niedrigen Reifendruck, aber ich komme am Ziel an.


Perfekte Organisation: mir wird das Rad abgenommen, ein weiterer Helfer bringt mir meinen

Beutel mit den Laufschuhen. Nach dem Wechsel geht es als erstes durch Immenstadt auf die

10 km Runde. Ich treffe Stephan, gefolgt von seinem Bruder, kann aber weder Jens oder Tino sehen. Die ersten 10 km sind gut, knapp über 50 Minuten, ich nehme an den Versorgungsständen abwechselnd Wasser und Cola entgegen und alle 10 km ein Gel. Die zweite Runde ist schwierig, bei Kilometer 19km schmerzt mein rechtes Knie, ich trabe mehr als dass ich laufe. Im Stadion sehe ich keinen Sanitäter, der mir ein Eisspray geben könnte und beschließe, weiter zu laufen. Die Zuschauer in der Stadt motivieren mich und ich merke, dass ich andere Teilnehmer wieder einhole, meine Krafteinteilung stimmt. Bei Kilometer 27 vor dem letzten Verpflegungspunkt kommt mir Jens entgegen. Die letzten Meter sind schnell gelaufen und ich laufe ins Stadion, die letzte halbe Runde und durch das Ziel: 9:08:01.


Über 800 Helfer sorgen dafür, dass diese Veranstaltung perfekt organisiert ist. In den Dörfern

stehen die Leute Kopf, um die Teilnehmer anzufeuern. Die Strecke ist herausfordernd, aber der Wettkampf ist die lange Anreise wert.



Stephan

Nach meinem erfolgreichen Abschneiden beim Allgäu-Triathlon in den beiden letzten Jahren – ich wurde 2008 Zweiter und 2009 Dritter – hatte ich auch 2010 wieder die Traditionsveranstaltung im bayerischen Immenstadt als meinen Saisonhöhepunkt gewählt. In diesem Jahr wurde im Rahmen des Wettkampfes nicht nur wie in den Vorjahren eine Mitteldistanz (2 km Schwimmen – 90 km Rad fahren – 20 km Laufen) angeboten, sondern auch die Weltmeisterschaft des Triathlonweltverbandes (ITU) über die Langdistanz (4 – 130 – 30 km) ausgetragen und natürlich wollte ich mir einen Start bei der Heim-WM bei einem meiner Lieblingswettkämpfe nicht entgehen lassen.


Der erste Startschuss erfolgte um 7:00 Uhr und schickte zunächst die ungefähr 60 Athleten der Wertungsklasse „Elite“ – bei denen es sich fast ausschließlich um Langdistanz-Profis handelte – sowie die Teilnehmer der Alterklassen 55 und älter auf den ersten Teil der Wettkampfstrecke im knapp 18 Grad kühlen Großen Alpsee. Abgesehen von der recht niedrigen, aber dank Neoprenanzug erträglichen, Wassertemperatur, waren die Wetterverhältnisse übrigens hervorragend: Es wurde ein schöner Sommertag mit Temperaturen bis 26 Grad und nur wenig Wind.


Ich startete eine halbe Stunde später im ca. 700 Teilnehmer großen Feld der Amateure der übrigen Altersklassen. Nach 55:50 Minuten entstieg ich als 17. mit 5 Minuten Rückstand auf die Führenden dem Alpsee und hatte nun den sicherlich anspruchsvollsten Teil des Wettkampfes vor mir. Wie immer beim Allgäu-Triathlon hatte es die Radstrecke auch in diesem Jahr wieder in sich. Zahlreiche Anstiege mit teilweise 18 Steigungsprozenten und insgesamt 2000 Höhenmetern galt es zu überwinden und zwar möglichst so energiesparend, dass der abschließende 30-Kilometer-Lauf nicht zu einem Spaziergang wird.


Auf dem Rad fühlte ich mich allerdings zunächst so gut, dass ich mich nach 50 km bis an die Spitze des Amateurfeldes vorgearbeitet hatte. Dort lag zu diesem Zeitpunkt übrigens mein drei Jahre jüngerer Bruder Matthias, der 5 Minuten vor mir aus dem Wasser gekommen war. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich ihn so schnell würde einholen können und befürchtete, dass mein Anfangstempo vielleicht doch zu hoch gewesen sein könnte. Die darauffolgende Temporeduzierung kam jedoch etwas zu spät. Nach 90 km schwanden meine Kräfte zunehmend; Krämpfe ließen mich daran zweifeln, ob ich es überhaupt bis auf die Laufstrecke schaffen würde. Durch die weitere Tempoverringerung wurde ich zwar bis auf Position 7 des Amateurfeldes durchgereicht, konnte mich aber bis zum zweiten Wechsel einigermaßen erholen, sodass ich nach 3:54:47 Stunden Rad fahren doch recht optimistisch zur Abschlussdisziplin wechselte.


Und in der Tat gelang mir noch eine ordentliche Laufleistung. Ohne weitere Einbrüche lief ich die 30 km in 2:07:31 Stunden und konnte damit wieder einige Plätze gut machen. Nach insgesamt 7:01:33 Stunden kam ich als dritter Agegrouper ins Ziel. Über diese Platzierung freute ich mich riesig. Noch größer wurde die Freude aber, als ich einige Minuten später erfuhr, dass die beiden Athleten, die vor mir im Ziel waren, der Altersklasse 25 angehörten und ich somit Weltmeister in der AK 30 bin. Schließlich steigerte sich die Freude weiter, als mein Bruder als Achter ins Ziel kam und damit hinter mir Vizeweltmeister in der AK 30 wurde.

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