Jeantex Tour Transalp vom 27. Juni bis 03. Juli 2010

Aktualisiert: Mai 9

1. Tag: Mittenwald - Sölden, 120,9 km, 2.669 Hm


Der Tag beginnt mit einem 2km- Gepäckmarsch mit Rad zur Abgabe des Reisegepäcks in einer Kaserne außerhalb Mittenwalds. Ich hatte Hotelunterkunft gewählt, Niels, der die Massenunterkunft im Transcamp in der Kaserne vorzog, hatte es da leichter. Beim Frühstück lernen wir „Dr. Jentschura“ kennen, der uns unermüdlich seinen fast ungenießbaren Hirsebrei als Wundermittel anpries. Niels konsumierte die Pampe trotzdem mit steigender Dosis, was schmeckt, kann ohnehin nicht wirksam sein.


Wir sind frühzeitig am Start im Block D, dem letzten von vier Blocks. Das Material der meisten Teams ist highendig, teilweise unter dem Motto „Karbon statt Kondition“? Wir sind jedenfalls hoffnungslos underequipped, trotzdem sind wir von Defekten und technischen Problemen verschont geblieben. Wir starten in der Gruppe der Masters (über 40 Jahre), sind mit zusammen 96 Lebensjahren dort die ältesten, ab 100 wären wir Grandmasters geworden. Bei strahlendem Sonnenschein geht es um 9.00 Uhr los, allerdings nicht für alle, denn schon am Start stellten sich die ersten Defekte ein, kurz vor dem Start entwich zum Beispiel gut hörbar die Luft aus einem Reifen. Gleich hinter dem Ortsausgang ein erster leichter Anstieg nach Leutasch. Fast ehrfürchtig nehme ich die ersten der anstehenden rund 20.000 Hm in Angriff. Wir wollen ja nur finishen. Niels fährt - wie immer - beim Anstieg vorneweg, bei der ersten Abfahrt JTT 2010 2 überhole ich ihn. Mit zeitweise über 70 km/h geht es ins Tal. Kurzzeitig tritt das unangenehme Rahmenflattern auf, das ich von Fulda schon kenne, aber ich merke schnell, dass ich das Vibrieren im Rad durch verkrampftes Festhalten des Lenkers selbst auslöse. Also, den Lenker nur locker festhalten, das Rad laufen lassen, es weiß schon, was es tut!


Herrliches Flachstück, in größeren Pulks fahren wir locker über 35 km/h, bewältigen 45 km deutlich unter 1 ½ Stunden. Dann kommt der lange und schwere Anstieg zum Kühtai. Niels hat mich schnell wieder eingeholt, fährt in meinem Blickfeld vorneweg. 1. Verpflegungsstation, kurze Zwischenabfahrt, dann zeigt das Kühtai hinter Gries seine Zähne: eine Rampe von über 500 m und gut 16% Steigung. Die ersten steigen ab, einige schieben. Mein Puls steigt bis auf 175, ein auf dem Rad absolut inakzeptabler Wert. Mittlerweile ist es richtig heiß geworden, die Strecke führt durch die pralle Sonne, die Steigung immer über 10%. Bei der Abfahrt nach Ötz bekomme ich ansatzweise Krämpfe in den Beinen. Bei der 2. Verpflegungsstation kümmert sich Niels um einen Sportler, der - von Krämpfen am ganzen Körper geschüttelt - nicht mehr von seinem Rad absteigen kann. Noch 35 km mit stetig leichtem Anstieg an einer befahrenen Straße. Benommen von der Hitze fahre ich auf freier Strecke gegen einen Begrenzungspfosten, steige kopfüber vom Rad ab. Linker Schalt-/Bremshebel verdreht, der rechte Unterarm schwillt an und schmerzt, vom rechten Knie tropft das Blut. Niels, der voran gefahren war, lässt sich zurückfallen, nach 5:39:42 std. sind wir im Ziel. Ich reagiere nur noch mechanisch, bin ziemlich fertig. Niels bringt das Rad zum technical service (Da ist schon eine lange Schlange von Hilfesuchenden mit defekten Karbon-Laufrädern), ich gehe zum medical service, der mein Knie fachkundig verarztet. Den Unterarm soll ich röntgen lassen, entscheide mich aber dafür, dass er nur als geprellt gilt. Dann fahre ich mit dem Rad gaaanz langsam zu meinem Quartier. Die Anschrift („Panoramastraße“) hätte mich warnen müssen: Es liegt 50 Hm oberhalb von Sölden, die Straße hatte noch mal 16 % Steigung ... Niels liegt derweil im Wellness Bereich des Söldener Transalp-Kamps bei der Extrem-Regeneration.


Das Tagesergebnis: 189. Masters (von 246 Teams) 473. Gesamt (von 630 Teams)

2. Tag: Sölden - Brixen, 23,8 km, 2.985 Hm


Gestern haben wir (trotz aller guten Vorsätze!) überzockt. Wir sind uns einig, dass wir heute ruhiger fahren, mehr trinken müssen, wenn wir den Gardasee erreichen wollen. Es stehen zwei lange und schwere Anstiege an. Niels soll bei den Anstiegen vor fahren, bei den Verpflegungsstationen kurz auf mich warten, die letzten 35 Flach-km wollen wir möglichst zusammen fahren.


Strahlendes Wetter, ab Mittag wird es wieder richtig heiß. Die Felder sind jetzt nach Leistungsstärke sortiert. Wir starten aus Block D. Der Anstieg zum Timmelsjoch geht gut mit Steiggeschwindigkeiten von 700 - 750 m/std. Niels ist vorneweg, startet in die Abfahrt, als ich am Gipfel ankomme. Ich folge 3-4 min später, überhole ihn nach 10 km, er holt mich auf dem Anstieg zum Jaufenpass aber nach 200 Hm wieder ein. Jetzt wird es richtig hart. Meine Leistung fällt auf 600 Hm/std. ab, ich werde ständig überholt. Kurzer Kontakt mit Niels bei der 2. Rast, dann fährt er vor. Die letzten 500 Hm zum Jauffenpass sind lang und quälend. Mehr als 8 km/h sind nicht drin.


Rasende Abfahrt nach Sterzing, unten bin ich allein auf einer viel befahrenen Straße und stelle mich seelisch darauf ein, die restlichen 30 km irgendwie allein hinter mich zu bringen. Ein Team fährt auf mich auf, der eine macht ständig Tempo und beschimpft seinen Partner, der andere ist noch viel platter als ich und fällt ständig raus. Das baut auf. Dann taucht am Horizont Niels auf, der lange auf mich gewartet hat. Wir kommen fast gemeinsam ins Ziel. In Brixen auf dem Domplatz angekommen gibt’s eine eher spartanische Ziel-Verpflegung, abends füllen wir die Speicher in einer Pizzaria zusätzlich auf.


Das Tagesergebnis: 205. Masters 517. Gesamt

3. Tag: Brixen - St. Vigil, 90,0 km, 3.180 Hm


Wieder strahlender Sonnenschein. Unsere Taktik: Niels fährt am Berg vor (da ist er klar schneller), ich versuche ihn bei den Abfahrten (da bin ich schneller) wieder einzuholen. Da eine lange Zielabfahrt ansteht, soll er vor mir ins Ziel fahren.


Die Umsetzung der Taktik klappt fast optimal. Der lange Anstieg zum Würzjoch (1.600 Hm) läuft gut, ich schaffe 750 - 800 Hm/std. Niels startet am 1. Verpflegungsstand bei meinem Eintreffen, ich folge ihm 3-4 min später. Die Abfahrt ist geprägt von Längsrillen im Asphalt. Außerdem gibt es hässliche Querfurchen zur Ableitung von Regenwasser, Niels will endlich wieder bergauf, seine Bremsen haben Grosses geleistet! Es folgt eine Waldstrecke mit kurzen Anstiegen und Abfahrten im Wechsel, wir kommen gleichzeitig am 2. Verpflegungsstand an. Noch 26 km und der Furkelpass mit 950 Hm und einem heftigen Anstieg in der prallen Sonne. Ich fahre auf einem Gefällestück vor, Niels eine Minute hinterher, verpasse eine Abzweigung, merke aber meinen Fehler schnell, verliere vielleicht zwei Minuten. Jetzt ist Niels irgendwo vor mir, aber an Ranfahren ist nicht zu denken, denn es geht aufwärts. Der Aufstieg zum Furkelpass (Steigung mehrere km jenseits 15 %) ist hammerhart. Am Rande schieben sie schon. Mich zieht es auf 6 km/h runter, aber schieben, nie!! Mit JTT 2010 4 dem letzten Tropfen Wasser erreiche ich den Pass, dann geht es in rasender Fahrt bergab. Nach 5:23:12 std. habe ich das Ziel erreicht. Im Ziel ist es heiss, die Verpflegung ist excellent, Nudeln - natürlich - mit Hühnchen, Salat und Käse.


Das Tagesergebnis kann sich sehen lassen: 164. Master 418. Gesamt

4. Tage: St. Vigil - Alleghe, 130 km, 3.449 Hm


Die Königsetappe. 5 Dolomitenpässe, nicht zu steil, das liegt mir. Heute wollen wir es richtig krachen lassen. Leider kommt es anders.


Schnelle Abfahrt vom Start weg. Das Grödnerjoch fühlt sich richtig gut an. Auch beim Passo Sella bleibt Niels immer im Blickfeld. Bei der 1. Verpflegung bemängelt Niels fehlenden Sitzkomfort, fährt vor, ich folge ihm in die Abfahrt 2 - 3 min später, bin sicher, dass ich ihn irgendwo überholt habe. Seltsam, dass er mich auf dem Weg zum Passo Pordoi nicht wieder einholt. Es folgt eine lange Abfahrt. Vor mir kann er unmöglich sein. Niels ist derweil der gleichen Ansicht, versucht Zeit gutzumachen und gibt richtig Gas den Falzarego hoch. Bei der 2. Rast auf dem Passo Falzarego mache ich mir ernsthaft Sorgen, warte 20 min auf Niels. Kontaktaufnahme mit dem Handy schlägt fehl, die mailbox nützt mir jetzt nichts. Der Anstieg zum 5. Pass (Passo Giao) ist hart, ich baue ziemlich ab, Niels plagen Selbstzweifel, er versucht, das Tempo weiter hochzuhalten. Die letzte Abfahrt nehme ich relativ entspannt, ist ja sowieso egal, wenn Niels noch hinter mir ist. Ich treffe ihn im Ziel wieder, wo er bereits eine ¾-Stunde auf mich wartet nachdem er bei der Zeitnahme den Verbleib des Teampartners aufgeklärt hatte.


Tagesergebnis: (7:12:54 std.) 198. Master (über 20 Plätze verschenkt!) 497. Gesamt

5. Tag: Alleghe - Kaltern, 115 km, 2.656 Hm


Die taktische Panne vom Vortag müssen wir erst mal aufarbeiten, der Plan war aber trotzdem gut. Heute stehen 3 Anstiege an, 2.600 Hm aufwärts, 3.200 Hm abwärts, also ideal für die Bargteheider Bergabfahrer. Hauptproblem wird die brütende Hitze und die Wasserversorgung sein, die letzte Verpflegung ist 65 km vor dem Ziel.


Vom Start ab geht es abwärts. Das Rennen ist die ersten 8,5 km neutralisiert. Ich fahre trotzdem 45 - 55 km/h, um mir eine gute Ausgangsposition für die Berganfahrt zum Pellegrino zu sichern. Der Anstieg ist zunächst moderat (7%), dann kommt das JTT 2010 5 Steilstück: 15% und mehr drei Km lang. Die anderen quälen sich genauso. Am Gipfel die erste Rast, kurzer Wortwechsel mit Niels, dann fährt er weiter. Ich folge 2-3 min später. Auf der rauschenden Abfahrt mit über 60 km/h werde ich von einem Würzburger Damenteam überholt. Also das geht ja nun gar nicht! Ich muss mich strecken, um bei denen im Windschatten dranzubleiben. Mit 45 km/h geht es durch einen Tunnel, vorbei an den Pkws. Dann der nächste Anstieg. Mittlerweile ist es brütend heiß. Am 2. Verpflegungsstand heißt es trinken, trinken, obwohl das Durstgefühl längst abhanden gekommen ist. 2 Flaschen reichen unmöglich für die restlichen 65 km. In der Hitze fällt die Leistung deutlich ab. Ich schnorre mir auf der Strecke eine Flasche Wasser, das muss reichen. Dann kommt die Abfahrt zum Kalterer See. Das Problem ist, über eine halbe Stunde den Kopf im Nacken zu halten, konzentriert zu bleiben. Ich werde von einer Gruppe überholt, die auch noch bei Tempo 60 treten. Nur ein kurzes Stück kann ich mithalten, dann falle ich wieder auf 55 km/h ab. Unten ist es heiß wie in einem Glutofen. In einer 5er-Gruppe fahren wir über 30 km/h, wechseln uns in der Führung ab. Dann kommt der Zielanstieg von 150 Hm. Nur irgendwie noch schaffen. Das Beste im Ziel war eine kalte Dusche in den Nacken. Lange wäre das nicht mehr gut gegangen. Die Zeit (5:17:26 std.) kann sich sehen lassen. Für die Verpflegungsstopps habe ich weniger als sieben Minuten gebraucht. Die Zielverpflegung war ganz hervorragend, Niels erstand außerdem noch 2 Flaschen des offiziellen JTT Weines, mit Streckenetikett.


Tagesergebnis: 164. Masters 400. Gesamt

6. Tag: Kaltern - Trento, 118 km, 3.055 Hm


Eine weitere erfolgreiche Etappe. Die ersten 15 km waren leider neutralisiert. Dann der 1. Anstieg nach Truden (950 Hm) mit langen Teilen von 18% Steigung. Auch der 2. lange Anstieg zum Passo Manghten (1.250 Hm) hat über 10%. Dieser Pass ist für den Durchschnitts-Norddeutschen nur in dieser Richtung empfehlenswert, die Anfahrt aus Richtung Molina ist sehr schmal und der Asphalt brüchig, als Abfahrt sehr technisch und bei Gegenverkehr gefährlich. Wieder wird es brütend heiß. Nach der 2. Verpflegung ein langes „Flachstück“. Ich finde Anschluss an eine schnelle Gruppe mit Niels. Abwärts im Windschatten ist kein Problem, aber es kommen immer wieder kurze Gegenanstiege von 30 - 50 Hm. Ich bin absolut am Limit, will aber nicht abreißen lassen. Am Anstieg zerfällt die Gruppe, ich quäle mich durch die gleißende Sonne. Die Luft steht. Sogar das Würzburger Damenteam überholt mich, da ist nichts zu machen. Schlussabfahrt auf kurviger und befahrener Straße. Zum Glück ist die Zeitnahme einige km vor Trento, dort angekommen in flirrender Hitze nimmt Niels - wie viele andere - ein unbesonnenes Bad im Brunnen auf dem Domplatz…


Tagesergebnis: 5:43:14 std. 151. Masters 371. Gesamt

7. Tag: Trento - Arco 97,5 km, 2.175 Hm


Der letzte Tag sollte es noch mal bringen, es kam aber anders. Niels kommt mit hängendem Kopf an den Start: er hat sich einen Darminfekt eingefangen, die Nacht nicht geschlafen, nichts gegessen, ein Bild des Jammers, der Brunnen... Wir wollen nur noch ankommen.


Langer Anstieg (1.650 Hm) zum Monte Bordono, ich habe Niels immer vor mir im Blickfeld, bei ihm hat der Anstieg heute gefühlte 45 %. Es folgt eine rauschende 20 km-Abfahrt mit 74 km/h Spitze. An der 2. Rast warte diesmal ich auf Niels, er klagt und jammert, aber wird sich durchbeißen. Letzter Anstieg zum Passo Balino, dann folgt die Abfahrt nach Riva mit herrlichem Blick auf den Gardasee. Hinter der Zeitnahme warte ich auf Niels, er folgt nur 3 min später. Gemeinsam rollen wir die letzten km durch den Ort zum Ziel. Geschafft! Die Siegesfeier mit der geplanten Übergabe der Finisher Trikots zieht sich langwierig hin, bis ein sintflutartiger Regen einsetzt und der Veranstaltung ein jähes Ende setzt. Die Trikots werden hoffentlich irgendwann zugeschickt…


Tagesergebnis (4:42:13 std.) 182. Masters 445. Gesamt

Fazit


Das war eine Woche voller Spannung und Abenteuer, die ich mein Leben nicht vergessen werde. Die Organisation war in jeder Hinsicht professionell, die Veranstaltung kann ich nur jedem empfehlen, der das Außergewöhnliche liebt und einmal im Leben seine Grenzen wirklich kennen lernen will. Wir haben uns auf dieses Rennen monatelang vorbereitet und es nicht bereut. Es ist wirklich beeindruckend, zu welchen extremen Leistungen der Körper (auch im fortgeschrittenen Alter) über sieben Tage hinweg in der Lage ist. Danke an Niels für die tolle Partnerschaft.


Gesamtergebnis (40:25:40 std.) 171. Masters 433. Gesamt


- Klaus und Niels


© 2020 | TSV Bargteheide Triathlon | KontaktImpressum | Datenschutz